Pflegenotstand: Es gibt so viele untergewichtige Igelbabys wie noch nie

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Das Haus der Familie Uecker in Kirch Baggendorf (Vorpommern-Rügen) ist derzeit voller kleiner Igel. Hausherrin Christiane Uecker nimmt in ihrer "Igelkiste" untergewichtige Jungtiere auf, die zu geringe Energiereserven haben, um den Winterschlaf zu überstehen.
In diesem Jahr schon 194 Igel aufgenommen

Im Keller neben der Tierarztpraxis ihres Mannes Bernd sind die verletzten Tiere untergebracht, die er behandelt. Im Büro leben die "Krippenkinder", im ehemaligen Kinderzimmer schmatzen und schnaufen die Igel im Kindergarten-Alter, im Gartenhaus die Schulkinder und im Außengelände die Azubis.

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86 junge Igel bemuttern die Ueckers in den letzten Oktobertagen. Es sind in diesem Herbst so viele wie noch nie, sagen sie. Nach ihrer Statistik haben sie in diesem Jahr 194 Igel aufgenommen. 65 wurden nach einer Behandlung wieder ausgewildert, 53 starben. 
Hoher Gewichtsverlust im Winterschlaf

Vom Soll-Gewicht sind viele Igelbabys weit entfernt. "Die Faustregel besagt: Am 30. Oktober sollte ein junger Igel mindestens 600 Gramm wiegen, um sicher schlafen zu können", erklärt die 61-Jährige. Sie hat noch Tiere mit 100 Gramm, die sie wenigstens bis Weihnachten füttern muss. Im Winterschlaf verlieren Igel bis zu 20 Prozent Gewicht. Ihr Herzschlag fährt von 180 Schlägen pro Minute auf 8 herunter. Wenn sie zu wenig Reserven haben, sterben sie im Schlaf.
Tierheime dürfen keine Wildtiere aufnehmen

Im Herbst finden viele Leute hilflose Igelbabys und bringen sie in Tierheime, Zoos oder Igelstationen. In Mecklenburg-Vorpommern dürfen Tierheime keine Wildtiere aufnehmen, das braucht eine spezielle Genehmigung. "Aber wir helfen weiter", versichert Kerstin Lenz als Landesvorsitzende des Tierschutzbundes. "Es geht nur über Privatinitiativen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es keine offizielle Wildtierauffangstation", sagt sie. Sie kennt einige Frauen, die sich um Igel in Not kümmern, und vermittelt die Tiere weiter. 

Igel-Pflegerinnen dringend gesucht

Wichtigster Ansprechpartner im Land ist der Verein Igelhilfe, auf dessen Homepage neben Christiane Uecker drei weitere Ansprechpartnerinnen zu finden sind. "Wir arbeiten alle weit über dem Limit", betont Vereinsgründerin Heidi French, die in Dummerstorf bei Rostock Igel, Eichhörnchen und Siebenschläfer aufpäppelt. "Wir suchen dringend Leute für die Igelpflege, die ein, zwei oder drei Tiere aufnehmen", sagt French, die als Sekretärin an der Universität Rostock arbeitet. Für einen Igel reiche für die ersten Tage ein Platz im Warmen, eine Box oder ein Kleintierkäfig und Katzennassfutter.
Nach dem Aufpäppeln in die Kühle

Wenn es der Gesundheitszustand erlaubt, kommen die Tiere ins Kühle, in einen Schuppen oder ein Gewächshaus. Dort brauchen sie etwas mehr Platz, um ihre Beine zu trainieren, sowie Stroh und Laub. Irgendwann hören sie schlagartig auf zu fressen und gehen in den Winterschlaf. Etwas Trockenfutter und Wasser sollte trotzdem bereitstehen, sagen die Igel-Pflegerinnen. Im Frühjahr sollten sie noch etwas weitergefüttert werden.

Ratsuchende dürften jederzeit anrufen, bieten die beiden Frauen an. Sie versuchen auch, Igel zum Auswildern ihren Findern zurückzugeben, damit die Tiere in ihre ursprünglichen Reviere zurückkehren.
Igel werden wegen Trockenheit immer später geboren

Christiane Uecker erläutert, warum es immer mehr untergewichtige Jungigel gibt: In den vergangenen trockenen Frühjahren haben die Igel wenig Futter gefunden. Igelweibchen lassen sich aber erst auf die Paarung ein, wenn sie genügend Gewicht haben, um Junge zu bekommen und aufzuziehen. Daher würden Igel immer häufiger nicht im Juli, sondern erst im August/September geboren.
Zeit zu kurz für den Winterspeck

Sie schaffen es nicht, sich bis zum Winter die nötigen Fettreserven anzufuttern. Hinzu komme, dass viele Igelmütter überfahren werden. Sie suchen in der Dunkelheit nach Raupen, Schnecken, Würmern und Käfern, die sich gern auf dem wärmeren Asphalt aufhalten.

In anderen Jahren ist Christiane Uecker im Herbst mit kleinen Igeln in Kitas und Schulen zwischen Greifswald, Rügen und Rostock unterwegs, um Kindern die Tiere nahezubringen. In diesem Jahr geht das wegen Corona nicht, bedauert die ehemalige Lehrerin.

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